Willkommen bei den Nordlandfahrern
  Oase der Liebe
 
 
Oase der Liebe
 
Text und Zeichnung von Renate Schaller
(All rights reserved.)
 




1
Bereits seit drei Stunden liefen Nadine und Alice durch die staubigen Straßen von Sabha, einer 200.000-Einwohner-Stadt mitten in der libyschen Wüste. Nadine und Alice waren Studentinnen aus Zürich, die sich mit dieser Reise selbst für ihr kürzlich bestandenes Diplom belohnen wollten. Alice war eine hübsche junge Frau mit dunkelbraunen Haaren im Pagenschnitt und einem runden, sympathischen Gesicht. Sie war ein bisschen mollig, aber das verstand sie mit entsprechender Kleidung geschickt zu kaschieren. Bei Nadine blickten die Männer meistens zweimal hin. Sie war es gewohnt, dass ihr nachgeschaut wurde. Um in diesem religiös geprägten Land nicht noch mehr aufzufallen, hatte sie ihr langes, rotblondes Haar schwarz gefärbt und ein Kopftuch übergezogen. Ihr voller Mund, die hohen Wangenknochen und die schrägstehenden grünen Augen gaben ihr ein sinnlich-frauliches Aussehen. Dazu hatte sie eine Figur, die Männer verrückt machen konnte. Alice war immer ein bisschen neidisch auf ihre schöne Freundin gewesen. Seit ihrer frühesten Jugend waren die beiden unzertrennlich und stets gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Jetzt gingen sie durch staubige Straßen, wo die Luft vor Hitze flimmerte.
Selten hatten Nadine und Alice eine schmutzigere Stadt gesehen. Das war nicht unbedingt typisch für Libyen, denn auf ihrer bisherigen Reise waren sie immer nur durch schöne Oasen mit wunderbaren Altstadtvierteln gekommen. „Du, da ist eine Bar“, deutete Alice auf ein etwas heruntergekommenes Gebäude, „wir sollten uns etwas ausruhen. Außerdem habe ich einen Monsterdurst.“ Die Tür des Eingangs bestand aus einem Perlvorhang, durch den laute, für sie so fremdartige Musik drang. Nadine wollte schon abwinken, weil ihr das Etablissement doch etwas zu schäbig vorkam, als ein gutgekleideter Mann heraustrat. „Also schön,“ stimmte sie zu. So schlimm konnte es wohl doch nicht sein. Sie traten ein. Eine angenehme Atmosphäre empfing sie. Von draußen drang nicht viel Licht hinein, aber die Räumlichkeit war gemütlich eingerichtet, und vor allen Dingen war es hier drinnen angenehm kühl.
Erschöpft ließen sich die beiden Frauen an einem Tisch nieder. Sie bestellten Cola in Flaschen. Darauf legten sie großen Wert, denn alles andere hatte meistens einen ordentlichen Durchfall zur Folge. Als die Getränke kamen, griffen sie rasch zu. Nadine seufzte. „Irgendwas haben wir falsch gemacht. Wir hätten uns vielleicht doch lieber ein Taxi leisten sollen. Ich verstehe das nicht. Wir haben doch das ganze Zentrum abgelaufen. Und was ist das Ergebnis? Schmerzende Füße.“ „Wem sagst du das. Meine bringen mich um.“ Alice griff sich verstohlen an die Ferse. Auch Nadine hatte die Schuhe ausgezogen. Jetzt konnte sie die Blasen unter ihren Fingern spüren. Zum Glück waren sie noch nicht aufgegangen, denn dann würden sie fürchterlich brennen. „Was machen wir jetzt?“ fragte Alice und schaute ratlos zu Nadine. „Ich denke, wir lassen es sein und gehen zum Hotel zurück. Es ist sowieso schon reichlich spät.“ Nadine sah auf ihre Armbanduhr und seufzte noch mal.
„Kann ich den Damen irgendwie behilflich sein?“ Nadine und Alice sahen überrascht auf. Vor ihnen stand ein dunkelhäutiger, hübscher junger Mann, der sie in perfektem Englisch angesprochen hatte. Nadine glaubte, ihn am Nachbartisch gesehen zu haben. Sie glaubte auch, gesehen zu haben, wie er sie anstarrte. Er trug westliche Kleidung und blickte sie jetzt freundlich an. Nadine schaute zu Alice, und diese zuckte mit den Schultern. Früher oder später hätten sie sowieso jemanden nach dem Weg fragen müssen, und der junge Mann sah nicht so aus, als ob er es nötig hatte, sie zu bestehlen. Sicherlich wollte er sie nur anmachen, aber da war er bei Nadine gerade an der Richtigen. Sie antwortete ebenfalls in perfektem Englisch, das sie während ihrer Studienzeit in Dublin gelernt hatte. „Ja,“ meinte Nadine. „Wir haben uns irgendwie verlaufen. Wir wollten in die Altstadt und...“ Weiter kam sie nicht, denn der Mann fing an zu lachen. „Bitte entschuldigen Sie,“ sagte er, immer noch lachend. „Ich will Sie auf keinen Fall auslachen, aber... nun, vielleicht darf ich mich zu Ihnen setzen, dann kann ich Ihnen das erklären. Mein Name ist Hassan.“ Die Frauen sahen sich abermals an. Alice zuckte erneut mit den Schultern, und wieder war es Nadine, die antwortete. „Bitte setzen Sie sich, aber ich erwarte in der Tat eine Erklärung. Ich bin Nadine, und das ist meine Freundin Alice.“
Hassan nahm einen Stuhl und setzte sich den Frauen gegenüber. Er winkte den Wirt herbei und sagte ihm etwas auf arabisch. Daraufhin kam der Wirt mit Getränken wieder. Nadine wollte protestieren, aber Hassan hob die Hand. „Bitte sehen Sie das nicht als Aufdringlichkeit an. Hier in diesen Breiten muss man viel trinken. Bitte bedienen Sie sich.“ Etwas unentschlossen nahmen die beiden Frauen die Gläser und nippten daran. „Na gut, vielen Dank,“ sagte Nadine, als sie das Glas wieder abgestellt hatte. „Aber jetzt will ich endlich wissen, warum Sie so gelacht haben!“ Hassan leerte sein Glas in mehreren Zügen, dann begann er zu erzählen. „Sabha wurde erst 1951 in der gleichnamigen Oase gegründet, somit werden Sie keine Altstadt finden, wie Sie sie sich vorstellen!“
„Oh,“ meinte Nadine nur. Es war ihr peinlich. Zum Einen, weil sie sich vor diesem Mann jetzt wie eine dumme, unwissende Touristin vorkam, und das ärgerte sie. Sie war immer stolz darauf gewesen, eine Individualreisende zu sein, die alles selbst in die Hand nahm und nicht wie diese Touristen, dem Herdentrieb folgend, in Bussen von Ort zu Ort gekarrt zu werden. Zum anderen schämte sie sich ein wenig vor Alice, weil sie dieses Detail übersehen hatte. Sicherlich hatte das Reisehandbuch, eines der wenigen, das für Libyen aufzutreiben gewesen war, das Gründungsdatum erwähnt, aber sie hatte dem keine Bedeutung beigemessen. Da hätte sie besser schalten müssen. „Dann bedanke ich mich bei Ihnen, dass sie uns aufgeklärt haben!“ Ärgerlich nahm sie das fast volle Glas und trank es in wenigen Zügen leer. `Montezumas Rache wird mir sicher sein`, dachte sie. Hassan überhörte ihren verärgerten Unterton. „Es war mir ein Vergnügen. Wenn Sie mehr wissen möchten, ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung!“
„Sie können sehr gut Englisch sprechen. Wo haben Sie das gelernt?“ fragte Alice, die dem Gespräch offenbar eine andere Wendung geben wollte. Anscheinend gefiel es Hassan, dass sie sich dafür interessierte, denn er blickte sie erfreut an. „Ich studiere in Tripolis Medizin. Vorher war ich ein Jahr in London und habe dort in einem Krankenhaus gearbeitet. Zur Zeit besuche ich hier meine Eltern. Sabha ist meine Geburtsstadt.“ Hassan machte eine Pause und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Dabei blieb sein Rücken ganz gerade, und seine Hände hatte er vor seinen Knien gefaltet. Wie ein artiger Schuljunge sah er aus. „Wie gefällt Ihnen unser Land?“ fragte er nach einer Weile. „Es ist wunderschön,“ antwortete Nadine leise. „Ganz prima!“ rief Alice gleichzeitig. Der junge Mann freute sich sichtlich, denn er grinste bis über beide Ohren. Dann wurde er ernst. „Es kann natürlich auch Probleme geben. Ich bewundere ihren Mut, wirklich. Ich würde an Ihrer Stelle nicht so sorglos durch diese Stadt laufen. Sabha hat keinen guten Ruf, das wissen Sie doch, oder?“ Nadine erinnerte sich dunkel, dass im Reisehandbuch etwas von „hoher Überfallgefahr“ stand, aber sie vertraute einfach auf ihr Glück, das sie schon ihr ganzes Leben lang begleitete. Vielleicht war sie wirklich ein wenig zu sorglos gewesen, aber was wollte er denn? Sie saßen doch wohlbehalten hier, und ihr Hotel war nicht mehr weit.
Hassan fuhr fort. „In der letzten Zeit ist es vermehrt zu Überfällen auf Touristen durch Banditen gekommen, es kamen sogar Todesfälle vor. Erst vor wenigen Tagen wurde ein amerikanischer Archäologie-Professor von einer Räuberbande überfallen. Seine Angehörige wurde bei dem Überfall getötet. Die Polizei hat ihn verhaftet, denn er hat ihre Mörder nicht lebend davon kommen lassen. Bestimmt haben Sie von dem Vorfall gehört?“ Nadine wusste, dass sich Libyen bisher außenpolitisch scharf anti-amerikanisch verhalten und ein verhafteter amerikanischer Tourist bestimmt schlechte Karten hatte, aber was ging es sie an? „Wissen Sie, wir können kein arabisch,“ sagte sie schnippisch. Hassan ging nicht darauf ein. Er beugte sich vor und senkte den Kopf. „Er ist spurlos verschwunden“, sagte er mit leiser Stimme, mehr zu sich selbst als zu seinen beiden Zuhörerinnen, „ich glaube, dass Mitglieder dieser Bande, die ihn überfallen hatte, ihn entführt haben, weil er wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Sicherlich foltern sie ihn grade irgendwo. Eigentlich befürchte ich sogar das Schlimmste für den Mann.“ Dabei nickte er und starrte auf die hölzerne Tischplatte.
 
Kurz darauf lächelte Hassan wieder und richtete sich auf. „Darf ich Sie fragen, wohin die Reise sie noch führt?“ Nadine fühlte sich angesprochen, denn schließlich war sie der Tourguide. „Wir sind eigentlich schon auf dem Rückweg. Wir wollen noch zu der Oase von Gabron und uns dort zwei Tage erholen, damit wir fit sind für die Rückfahrt.“ Hassan nickte anerkennend. „Das ist eine sehr gute Entscheidung. Es ist wunderschön in Gabron. Dort werden Sie sich wirklich gut erholen können. Aber wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf, dann fahren Sie nicht alleine dorthin, sondern nehmen lieber einen Führer, das ist sicherer. Man kann sich nämlich sehr leicht in den Dünen verirren oder stecken bleiben. Oder Sie schließen sich einer geführten Autotour an. Das ist auf jeden Fall gesünder!“ Hassan lachte wieder sein sympathisches Lachen, und diesmal lächelte auch Nadine.
 
Plötzlich stand Hassan auf. „Meine Damen, ich muss mich jetzt leider verabschieden. Ich hätte Ihnen noch gerne mehr über unser schönes Land erzählt, aber ich muss noch einige Freunde und Verwandte besuchen. Morgen ist mein Aufenthalt hier beendet, und ich muss mich auf die Rückreise nach Tripolis machen. Aber vielleicht,“ er unterbrach sich und sah beide Frauen kurz an, „vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Auf Wiedersehen und eine schöne Reise!“ Damit drehte er sich um und ging mit schnellen Schritten nach draußen. „Auf Wiedersehen!“ riefen Alice und Nadine ihm hinterher. „Und vielen Dank“, fügte Nadine leise hinzu.
Während der Perlvorhang an der Eingangstür des Restaurants noch klimperte, dachte Nadine, dass sie den jungen Libyer sicherlich nie mehr wiedersehen würde. Sie schämte sich ganz furchtbar, dass sie so schnippisch zu ihm gewesen war. Mittlerweile müsste sie doch kapieren, dass sie nicht in Europa war, wo die Männer ihrer Erfahrung nach meistens irgendeinen Hintergedanken hatten, wenn sie ihre Hilfe anboten. Sie musste an ihren Ex-Verlobten denken, dem sie erst vor drei Monaten den Laufpass gegeben hatte, weil er sie wie sein Eigentum behandelt hatte, nachdem er ihr ganz artig den Hof gemacht hatte. Sicher gab es auch üble Elemente, wie in jedem Land der Erde, und dennoch waren hier die Menschen ganz anders. Im gesamten Verlauf ihrer bisherigen Reise waren ihr immer ehrliche Freundlichkeit und herzliche Hilfsbereitschaft entgegengekommen, wie sie sie in ihrer hochzivilisierten Heimatwelt nicht mehr so selbstverständlich vorfand. Als sie mit Alice ins Hotel zurückging, dachte sie grübelnd darüber nach.
2
Nadine musste lächeln, wenn sie an den gestrigen Tag dachte. Ihr schmerzten jetzt noch die Füße von dem Gewaltmarsch durch die Stadt. Zu Beginn ihrer Urlaubsreise hatten sie und Alice die Oasenstadt Ghadames im Norden Libyens besucht. Ghadames war eine der schönsten Oasen des Landes mit der am besten erhaltenen Altstadt, die sogar unter UNESCO-Schutz stand. Dort hatten die beiden Frauen auch ihren ersten Eindruck von der Freundlichkeit der Menschen bekommen, die dort lebten. In der Altstadt selbst wohnte wegen der Einsturzgefahr niemand mehr, aber tagsüber versammelten sich die Menschen, die einst dort gelebt hatten, in den engen Gassen und Plätzen, um über die vergangenen Zeiten zu reden. Nadine und Alice waren von den verschachtelt gebauten Häusern und dem Labyrinth aus engen Gängen so sehr fasziniert gewesen, dass sie zwei Tage länger dageblieben waren als geplant. Nadine hatte gedacht, dass auch Sabha eine sehenswerte Altstadt aufzuweisen hätte, denn immerhin war Sabha Provinzhauptstadt. Da hatte sie sich wohl ein wenig geirrt. Jetzt musste sie lachen.
„Warum lachst Du?“ fragte Alice, die am Lenker ihres Motorradgespannes saß. Sie musste laut sprechen, um gegen das lärmende Motorengeräusch ihrer alten Zündapp anzukommen. Die beiden Frauen hatten sich mit ihrem Gespann bereits etliche Kilometer von den Toren der Stadt entfernt, und eine einsame, staubige Wüste umgab sie. Sie hätten auch die bequeme Asphaltstrecke nach Brak nehmen können, aber die Fahrt mit einem geländegängigen, wendigen Fahrzeug über unbefestigte Piste war abenteuerlicher und machte mehr Spaß. „Ach nichts,“ gab Nadine zurück und zog das Tuch, das sie sich zum Schutz gegen den Staub vor den Mund gelegt hatte, beiseite. Sie saß im Seitenwagen und kniff die Augen zusammen, weil das grelle Sonnenlicht sie trotz ihrer Sonnenbrille blendete. „Konzentriere dich lieber auf die Strecke. Bist du sicher, dass wir noch auf der richtigen Piste sind? Ich könnte schwören, dass die Sonne eben noch aus einer anderen Richtung geschienen hat. Ich kann in der Ferne Erhebungen ausmachen. Das sind bestimmt die Dünen, die wir doch eigentlich umfahren sollten. Auf der Karte sind auf unserer vorgesehenen Route keine Dünen verzeichnet. Du hast dich bestimmt verfahren!“ Alice blieb gelassen. „Das glaub` ich nicht“, bezweifelte sie, „sicherlich macht die Strecke nur einen Bogen, und du wirst sehen, dass wir die Dünen bald wieder auf der linken Seite haben.“ Nadine war immer noch skeptisch, so leicht ließ sie sich nicht beruhigen. So weit das Auge reichte, bestand die Landschaft nur aus Sand, Staub und Steinen. Eine riesige Ebene, in der die Luft vor Hitze flimmerte. Welches Hindernis konnte es da geben, um das die Straße einen Bogen machen musste? „Wenn wir in die Dünen kommen, kehren wir um. Hassan hat uns sicherlich nicht zum Spaß davor gewarnt!“
Die beiden Frauen hatten die Warnung des Einheimischen sehr ernst genommen. Als sie in ihr Hotel zurückgekehrt waren, hatten sie ihre Finanzen überprüft und festgestellt, dass sie soweit geschrumpft waren, dass sie sich einen Führer nicht mehr leisten konnten, und zwei Tage Aufenthalt in Gabron würden sicher auch nicht billig werden, so dass sie sich schweren Herzens entschlossen hatten, auf das Oasenerlebnis zu verzichten und nach Ghadames zurückzufahren.
 „Wir kommen nicht in die Dünen, glaub` mir,“ versuchte Alice noch einmal, ihre Freundin zu beruhigen. „Ich bin immer der Piste gefolgt.“ „Vorsicht!“ rief Nadine, als sie erkannte, dass Alice genau auf einen Stein zusteuerte, den sie nicht gesehen hatte, weil sie den Kopf zu ihr gedreht hatte. Alice machte eine Vollbremsung und kam genau vor dem Stein zu stehen, der das Gespann durchaus hätte beschädigen können. „Entschuldigung“, murmelte Alice und legte den Rückwärtsgang ein. Sie umfuhr den Stein und folgte weiterhin den Autospuren in die Unendlichkeit der Dünen.
Alice konnte nicht wissen, dass am Tag vorher eine Autokarawane mit einem kundigen Führer von der Hauptpiste in die Dünen abgebogen war. Es waren so viele Wagen in der Kolonne gewesen, dass das Spurenbündel, das sie hinterlassen hatten, so breit wie die Hauptstrecke gewesen war. Alice hatte es nicht bemerkt und war der Spur gefolgt. Erst als sie den Dünen schon so nahe waren, dass sie sehen konnten, dass die Spuren mitten in sie hineinführen würden, kamen auch ihr Bedenken. „Oh je, vielleicht war das doch nicht der richtige Weg gewesen,“ sagte sie kleinlaut. Nadine war sauer. „Also gut,“ meinte sie energisch, „wir werden noch ein bisschen weiterfahren. Wenn sich die Spur verliert, wissen wir genau, dass wir nicht mehr auf der richtigen Piste sind.“
 Nadine drehte sich um und schaute nach hinten. Von der Ebene war nichts mehr zu sehen. Sie waren schon zu tief in das Dünengebiet eingedrungen, und die Sandberge wurden immer höher und schwieriger zu befahren. Der Sand war ziemlich zerfahren und darum sehr weich. Sie hatten Glück, dass sie sich nicht eingruben. Nadine hatte die vage Hoffnung, dass das vielleicht sogar eine Abkürzung war, denn den Erg, das riesige Dünengebiet, zu umfahren, wie es ihnen geraten worden war, nahm viele langweilige Kilometer in Anspruch. Aber um festzustellen, ob sie sich in die richtige Richtung bewegten, hätte sie aussteigen müssen, damit der Kompass nicht von einer Störstelle am Fahrzeug abgelenkt wurde. Wie konnte sie auch nur so naiv gewesen sein, einen alten Kompass auf dem Flohmarkt zu erstehen. Von der richtigen Navigation hing in der Wüste schließlich ihr Leben ab! Das war ihr vor ein paar Wochen, als sie sich mehr oder weniger sorgfältig auf diese Reise vorbereitet hatte, nicht bewusst gewesen. Sie hatte immer nur darauf geachtet, dass die Reise den Rahmen ihrer geringen Finanzmittel nicht sprengte. Und Geld von ihrem Vater anzunehmen, dafür war sie zu stolz gewesen. Sie verfluchte ihren Stolz, als sie sah, wie die Nadel des Kompasses wild hin und her schwankte und sich manchmal im Kreise drehte. Zum Anhalten hatte Nadine gar keine Lust, denn bei fast fünfzig Grad Celsius im nicht vorhandenen Schatten war es im Fahrtwind gerade noch auszuhalten. Außerdem hatte sie Angst, dass sie sich beim Wiederanfahren eingruben, und dann kämen sie vielleicht nie mehr hier weg, denn sie hatten keine Sandbleche dabei.
 
Der Boxer-Motor der alten Zündapp hatte schwer zu schaffen. Es war eine KS 601 mit angetriebenem Seitenrad, die Nadine von ihrem Großvater geerbt hatte. Ängstlich beobachtete sie die Nadel der extra für diese Reise installierten Öltemperaturanzeige, die mehr und mehr der kritischen Marke zueilte. Nadine bezweifelte, dass das alte Fahrzeug diesen Strapazen weiterhin gewachsen war, obwohl es eine sehr robuste Konstruktion war und immer sehr zuverlässig seinen Dienst getan hatte. Jetzt rächte es sich, dass sie unbedingt mit diesem Relikt aus dem zweiten Weltkrieg diese Fahrt hatte antreten wollen, und das Angebot ihres Vaters, sein modernes Geländefahrzeug zu benutzen, ausgeschlagen hatte. Aber da war ihr wieder ihr Stolz im Weg gewesen, und ihr geringes Studentenbudget hatte keine kostspieligere Investition gestattet. Außerdem liebte sie Motorräder und zog eine Tour damit jeder Autofahrt vor.
Jetzt konnten sie sehen, dass sich die Spur der Kolonne in viele einzelne Spuren verteilte, und dass jeder Wagen sich seinen eigenen Weg durch das schwierige Terrain gesucht hatte. „Los, dreh um!“ befahl Nadine. „Das ist definitiv nicht der richtige Weg!“ „Ja!“ rief Alice laut und ängstlich. Nadine spürte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug. So ein Verfahrer in der Wüste war immer gefährlich, weil bei einem Unglück kein Mensch hier nach ihnen suchen würde. Alice hatte einen hochroten Kopf. In ihrer Hektik versuchte sie, das Gespann mitten am Hang zu wenden, statt in das nächste Dünental zu fahren und dort gefahrlos umzudrehen. Das Fahrzeug begann zu rutschen, Alice lenkte gegen und gab Gas. Es tat einen Schlag, und Alice würgte den Motor ab. Das Gespann rutschte noch einige Meter abwärts, dann blieb es kurz vor der Talsohle hängen. Alice war kreidebleich, und auch Nadines herrliche Bräune war einem fahlen Grau gewichen. Dann wurde es still.
3
      Nadine glaubte, ein Geräusch gehört zu haben, und krabbelte aus dem kleinen Zelt, in dem die beiden Frauen die erste Nacht nach ihrer Panne in der Wüste verbracht hatten. Jetzt war es wieder still. Sie konnte nur das Rieseln von Sand hören. Alice saß im Schatten ihres havarierten Gespannes, die Knie angezogen, um die sie ihre linke Hand gelegt hatte. Mit ihrer Rechten nahm sie Sand auf und ließ ihn wieder auf den Boden fallen. Das ging jetzt schon eine ganze Weile so. Dabei bewegte sie ihre Lippen, jedoch ohne ein Wort zu sagen, und kaute auch manchmal auf ihnen herum. Die Sonne war schon wieder auf dem Weg, ihren höchsten Stand zu erreichen, und nichts war zu ihrer Rettung geschehen.
 
     Nadine beobachtete ihre Freundin eine Zeitlang. Alice tat ihr leid. Sie hatte mehr Mitleid mit Alice als mit sich selbst. Sie fühlte sich für sie verantwortlich. Alice hatte es schon immer schwerer gehabt als Nadine. In der Schule war sie gehänselt worden, weil sie als Kind ziemlich dick gewesen war und eine hässliche Zahnspange tragen musste. Nadine hatte sie beschützt, wann immer Klassenkameraden auf ihrer dicken Mitschülerin herumgehackt hatten. Ohne Nadine hätte Alice vermutlich einen schweren Stand in der Schule gehabt.
 
Jetzt hatte Alice hier einen noch viel schwereren Stand, denn sie saß bei knapp fünfzig Grad im Schatten neben einem defekten Motorrad mitten in einem einsamen Erg, einem riesigen Dünengebiet, und Nadine fühlte sich schuldig. Sie hätte viel früher darauf bestehen müssen, umzukehren. Jetzt waren sie im Sand ausgesetzt, und die Wahrscheinlichkeit, hier gefunden zu werden, war ausgesprochen gering. Wenn sie doch nur mehr Geld zur Verfügung gehabt hätten, dann hätten sie sich zwei Tage Gabron und einen Führer leisten können, der sie gefahrlos bis zur Oase gelotst hätte. So aber konnten sie nichts tun als abwarten. Ihr Mobiltelefon funktionierte hier nicht, und das Fahrzeug zu reparieren war ihnen nicht möglich, weil sie für einen solchen Fall keine Ersatzteile dabei hatten. Die Zündapp verlor auf dem linken Zylinder Öl, das tropfenweise im Sand versickerte. Zudem hatte Alice es tatsächlich geschafft, den Motor so zu überdrehen, dass ein schwerwiegender Schaden am rechten Zylinder die Folge gewesen war. Nadine vermutete einen gebrochenen Stößel oder eine verbogene Stößelstange. Aber sie machte ihrer Freundin keinen Vorwurf deswegen, denn in der aufkeimenden Panik wäre ihr vielleicht dasselbe passiert. Zumal die Zylinderkopfdichtung defekt war, und dafür konnte Alice nichts.
 
Alice hatte scheinbar ähnliche Gedanken, denn sie warf den Sand, den sie in der Hand hatte, von sich, seufzte und drehte sich zu ihrer Freundin um. „Dir wäre das sicher nicht passiert. Ich bin aber auch zu dämlich!“ Sie nahm wieder eine Handvoll Sand auf und schleuderte ihn weit von sich. „Mach` dir doch nicht ständig Gedanken deswegen,“ sagte Nadine beschwichtigend. „Wir haben beide keine Erfahrung mit Navigation und Wüstenfahren, und schon gar nicht mit solch tiefsandigen Dünen. Außerdem wären wir mit der kaputten Dichtung ohnehin nicht mehr weit gekommen. Zum Glück haben wir genug Wasser dabei, es besteht also keine akute Gefahr.“ Sie seufzte. „Ich glaube, es war ziemlich blauäugig von mir, alleine in die Wüste zu fahren.“ Sie fühlte sich sogar sehr schuldig, denn sie war der dominante Part in ihrer freundschaftlichen Beziehung und bestimmte, was gemacht wurde und was nicht. Wenn sie auf Alice gehört hätte, die Bedenken angemeldet hatte, was diese Reise alleine ohne Begleitung anging, säßen sie jetzt nicht hier. Außerdem ärgerte sie sich, dass sie nicht alle erdenklichen Ersatzteile mitgenommen hatte, denn die leicht zugängliche Technik des Boxers war mit ein Grund gewesen, dass ihre Wahl auf dieses alte Motorrad gefallen war, und mit den entsprechenden Ersatzteilen wäre sie durchaus in der Lage gewesen, die Reparatur an Ort und Stelle selbst durchzuführen. Sie wollte noch etwas sagen, aber jetzt war sie sicher, ein Geräusch gehört zu haben.
 
Das Geräusch war zwar wieder verstummt, aber Alice hatte auch den Kopf gehoben, und lauschte. Nadine hatte es sich also nicht nur eingebildet. Da war es wieder, auch wenn es kaum auszumachen war, weil der Wind es von ihnen weg trug. Es hörte sich an wie das Brummen eines Insektes, das lauter wurde und wieder leiser, bis es kurz aufhörte, um dann wieder aufzuleben. Das Brummen kam näher, und jetzt wusste sie auch, was es war. Es war das Geräusch eines großvolumigen Fahrzeuges, das sich seinen Weg durch die Dünen suchte. Wenn es sich in einem Dünental befand, war es kaum zu hören, aber wenn es eine Düne erklommen hatte, war es deutlich auszumachen. Die beiden Freundinnen sprangen gleichzeitig auf und rannten auf einen besonders hohen Dünenberg zu. Noch nie hatte Nadine ihre mollige Freundin so schnell laufen sehen. Die beiden hatten Mühe, den Sandberg zu erklimmen, denn sie rutschten immer wieder nach unten, wenn der Sand unter ihren Füßen nachgab. Nadine dachte schon, dass der Wagen vorbeifahren würde, ohne sie gesehen zu haben, als sie es dann doch geschafft hatten und sich ihnen ein weiter Ausblick über das Dünenmeer bot. Es war eine grandiose Landschaft, aber dafür hatten die Frauen jetzt keinen Blick. Sie suchten das Auto, das gerade wieder in ein Tal eingetaucht war. Dann tauchte es wieder auf, um gleich wieder abzutauchen. Es bewegte sich etwas von ihnen weg, und sie konnten nur hoffen, dass einer der Insassen gerade zu ihnen herüberschaute, wenn sie sich auf einem Dünengipfel befanden. Die Studentinnen tanzten und schrieen und winkten mit den Armen. Sie konnten das Auto genau erkennen, aber es gab noch keine Anzeichen, dass sie auch gesehen wurden. Es war ein weißer Pick-Up mit einer grünen Plane über der Ladefläche, und im Führerhaus saßen zwei Männer. Der große Geländewagen verschwand wieder in einem Tal, und plötzlich verstummte der Motor.
 
     Alice sah Nadine erschrocken an, aber Nadine wusste ja auch nicht, was los war. Sie warteten ab, was geschehen würde. Jedenfalls war dieses Verhalten sehr ungewöhnlich. Hatten die jetzt auch einen Motorschaden, oder hatten sie gar etwas zu verbergen und dachten gar nicht daran, die beiden Frauen zu retten? Ihre Gesichter hatten schon einen verzweifelten Ausdruck angenommen, als der Motor wieder gestartet wurde und das Auto auf einem Dünenkamm erschien. Dort blieb es wieder stehen, diesmal mit laufendem Motor. Das war wirklich mehr als merkwürdig. Die Studentinnen bekamen es mit der Angst zu tun, und sie wagten nicht mehr, zu winken. Die mussten doch was im Schilde führen. Aber wenn sie sich jetzt versteckten, war die Chance, gefunden zu werden, vermutlich vertan. Also blieben sie stehen und warteten auf eine Reaktion. Die kam dann auch, denn das Auto setzte sich wieder in Bewegung und steuerte in ihre Richtung. Gekonnt manövrierte der Fahrer den schweren Wagen über die sandigen Hügel. Etliche Meter neben ihrem defekten Gespann kam er zum Stehen.
 
      Die Frauen rutschten die Düne hinunter, blieben aber in einiger Entfernung stehen und warteten erst mal ab. Ihnen war ziemlich mulmig zumute. Die Männer machten keine Anstalten, aus dem Pick-Up auszusteigen. Sie schienen etwas zu diskutieren, lautstark und mit den Händen gestikulierend. Schließlich öffneten sich dann doch die Türen, und zwei Männer in Soldatenuniform stiegen aus. Nadine und Alice atmeten auf, anscheinend hatten sie es doch nicht mit flüchtigen Verbrechern oder sonstigem Gesindel zu tun. Sie gingen langsam auf die Soldaten zu. Sie waren schwarzhaarig und hellhäutig, so wie viele Einwohner Libyens. Der Fahrer war groß und schlank, der andere hatte einen enormen Bauchansatz und war einen halben Kopf kürzer als sein Kollege. Der Kleinere sprach sie an. „Tut mir leid, wir verstehen leider kein arabisch“, antwortete Alice. „Was um aller Welt haben sie verloren in der Wüste?“ fragte der schlanke Soldat. Er sprach französisch mit starkem arabischen Akzent. In seinen Worten schwang ein vorwurfsvoller Ton mit. Nadine wollte antworten, aber sie musste sich erst einmal räuspern, denn sie hatte einen Frosch im Hals. „Wir haben uns verfahren, und jetzt ist unser Motor kaputt,“ antwortete sie in perfektem Französisch, das sie während ihrer Kindheit in der Schweiz gelernt hatte. „Ach, Motor kaputt“, sagte der schlanke Soldat in einem abfälligen Tonfall. Er übersetzte die Worte für seinen Kollegen ins arabische, und beide lachten eine Spur zu hämisch. „Werden wir reparieren.“ „Danke, aber ich glaube kaum, dass Ihnen das gelingen wird,“ meinte Nadine vorsichtig. „Es handelt sich hier nicht um eine defekte Zündkerze, sondern um einen schwerwiegenden Motorschaden. Oder haben Sie zufällig eine passende Zylinderkopfdichtung dabei?“ „Sie hat recht,“ meldete sich Alice zu Wort. „Können Sie uns nicht mitnehmen?“
 
Die Soldaten musterten Alice, und Nadine hatte das unangenehme Gefühl, dass sie sie in Gedanken auszogen. Sie selbst hatten sie auch schon so angestarrt, und beide Frauen fühlten sich sichtlich unbehaglich. `Da sind wir ja vom Regen in die Traufe gekommen`, dachte Nadine. „Nein,“ sagte der großgewachsene Soldat nach einer kleinen Weile, die Nadine unendlich lange vorgekommen war. Alice sah aus, als hätte sie sich am liebsten im Sand vergraben, um diesen lüsternen Blicken zu entgehen. „Das ist vollkommen unmöglich. Wir werden das Motorrad reparieren!“
Endlich wandte der schlanke Soldat seinen Blick von Alice ab und rief seinem fettleibigen Kollegen etwas auf arabisch zu. Dieser ging zu der mit der Plane abgedeckten Ladefläche des Pick-Up und öffnete die Klappe. Der Schlanke kam hinzu, und gemeinsam zogen sie einen jungen Mann herunter, der barfuß und an den Händen gefesselt war. Der Mann fiel in den heißen Sand, und mit Fußtritten und Schlägen zerrten sie ihn wieder hoch. Nicht ein Laut kam über die Lippen des Mannes, der das alles über sich ergehen ließ. Er war ein kräftiger Bursche, aber er machte keine Anstalten, sich zu wehren. Er taumelte und sah erschöpft aus. Ergeben fügte er sich seinen Peinigern, die ihn grob packten und ihn um das Auto führten. Nadine blieb die Luft weg. Der arme Kerl sah unverschämt gut aus, trotz dieser Umstände. Er war groß gewachsen, ungefähr einen Meter neunzig, schlank und athletisch. Er trug blaue Jeans und ein weißes Hemd, das vorne geöffnet war und halb über seine breite Schulter rutschte, so dass Nadine seine muskulöse Brust und jeden einzelnen Bauchmuskel erkennen konnte. Sie schätzte ihn auf 30, höchstens 35 Jahre. Sein Haar fiel leicht gewellt bis fast auf die Schultern. Obgleich es dunkelbraun und seine Haut tief gebräunt war, so war der Mann doch offensichtlich kein Einheimischer. Sein schönes, ebenmäßiges Gesicht wies feine, mitteleuropäische Züge auf. `Der gehört auf den Laufsteg`, dachte Nadine, und auch Alice stand mit offenem Mund da und starrte ihn an. Gleichzeitig waren sie entsetzt, mit welcher Brutalität die Soldaten vorgingen. Der dicke Soldat hatte ein unterarmlanges Eisenrohr in der Hand. Er brüllte dem Gefangenen irgendeinen Befehl zu, den Nadine nicht verstand, aber sie vermutete, dass es wohl so etwas wie ‚Hinsetzen!’ bedeuten mochte. Als der Mann nicht sofort reagierte, schlug der Soldat ihm mit der Eisenstange gegen den Oberschenkel. Wortlos folgte der Geschlagene dieser überdeutlichen Aufforderung, und ging vor der Motorhaube des Wagens in die Knie. Sein Wächter konnte es sich nicht verkneifen, ihm doch noch einen Schmerzenslaut zu entlocken, indem er ihm das Eisenstück gegen die Rippen setzte, so dass der Ärmste vollends zu Boden sank. Der andere Soldat brachte einen Strick, mit dem er seine gefesselten Hände an den rostigen Rammschutz des Wagens band. Dass sie ihn vorne an den heißen Motor fesselten, war sicher beabsichtigt. Es gab dort keinen Schatten, und die unbarmherzige Wüstensonne traf ihn ohne Gnade. Auch das war sicher beabsichtigt. Die Temperatur musste unerträglich sein. Wie zum Hohn nahmen die Soldaten einen Wasserkanister aus dem Wagen und tranken laut schlürfend. Ihrem Gefangenen gaben sie nichts. Dann wandten sie sich an die beiden Studentinnen, die fassungslos dastanden.
 
„Sie beide gehen da weg,“ sagte der schlanke Soldat im Befehlston und machte dabei eine Handbewegung, so dass die Frauen ängstlich ein paar Schritte zurückwichen. „Sie gehen nicht in die Nähe von dem und reden auch nicht mit dem! Dieser Mann ist ein Mörder, das sollen Sie sich merken!“ Dabei deutete er auf den jungen Mann, der mit gesenktem Kopf regungslos vor dem heißen Auto in einer unbequemen Stellung in seinen Fesseln hing, und schaute die Frauen streng an. Nadine glaubte, sich verhört zu haben. Dieser Mann sollte ein Mörder sein? Nie im Leben. Sicher wollten sie ihnen nur Angst machen. Alice schien es zu glauben, denn sie entfernte sich mit skeptischen Blicken auf den Gefangenen. Nadine schaute sich den Mann noch einmal genauer an. Er sieht verdammt gut aus, dachte sie, aber er würde noch besser aussehen, wenn er mit ihr am Strand von Vai auf Kreta im weißen Sand liegen würde, unter Palmen... War sie jetzt komplett verrückt geworden? Hatte sie einen Sonnenstich? Sie hatte diesen Mann, ein Mörder... Mörder? ...den Gefangenen gerade mal fünf Minuten gesehen, und schon kamen ihr solche idiotische Gedanken. Sie besann sich. Er war augenscheinlich durchtrainiert und musste große Kräfte besitzen, aber er setzte sie nicht ein. Sie fragte sich, warum, denn es wäre ihm sicher ein Leichtes gewesen, die zwei Soldaten sogar mit gefesselten Händen zu überwältigen.
 Ein Soldat riss Nadine aus ihren Überlegungen, denn er zog sie fort und drückte sie im Schatten seines Wagens in den Sand. Ihre Gedanken kreisten weiterhin um den gutaussehenden Fremden. Es war offensichtlich, dass sein Widerstand irgendwie gebrochen worden war, und Nadine wollte herausfinden, was es war.
4
Die Soldaten waren mit dem Motorrad beschäftigt. Das war die Gelegenheit. Nadine nahm eine Wasserflasche und ging zu dem Gefangenen hinüber. Er hing in seinen Fesseln und hielt die Augen geschlossen. Glücklicherweise hatte ihn der wandernde Schatten bereits erreicht und milderte seine Pein ein wenig. Sie kniete sich nieder, betrachtete sein männlich markantes Gesicht, und schüttelte den Kopf. Ein dünner getrockneter Blutstreifen zog sich von seinen schön geschwungenen Lippen hinab über sein stoppelbärtiges Kinn. Nadine mutmaßte, dass dies die Folge eines Fausthiebes gewesenen sein könnte. Ein weiterer Streifen trockenen Blutes zog sich von einer Augenbraue über die Schläfe. Diese Verletzung mochte er sich während des unmenschlichen Transportes auf der ungesicherten Ladefläche des Geländewagens zugezogen haben. Nadine setzte ihm die Flasche an den Mund, und er trank sie gänzlich aus. Er musste schrecklichen Durst gelitten haben, vielleicht sogar dem Verdursten schon recht nahe gewesen sein. „Jetzt geht es Ihnen gleich besser“, sagte sie. Sie wusste nicht, welche Sprache der Mann sprach, und sie versuchte es mit Französisch. Er schaute auf und sah sie verdutzt an. „Habe ich Halluzinationen oder bin ich schon bei den Engeln?“ Er sprach gutes Französisch mit amerikanischem Akzent. „Weder noch,“ antwortete Nadine. „Mein Name ist Nadine, und ich bin völlig real. Wer sind Sie?“ Er schaute sie an, so als ob er nicht wusste, ob er ihr antworten sollte. Nadine lächelte ihn aufmunternd an und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, aber er zuckte erschrocken zurück.
„Keine Angst,“ sagte sie sanft, obwohl sie selbst erschrocken war. „Ich will Ihnen helfen.“ Dabei legte sie ihre Hand vorsichtig auf seinen Oberarm. Sie konnte seine Muskeln unter dem dünnen Hemdsstoff spüren. Sein Bizeps war angespannt, das merkte sie deutlich, während sie sanft über seinen Arm strich. Die Fesseln zwangen ihn in diese angespannte Position, denn das Seil war so kurz bemessen, dass sich seine feingliedrigen Hände links neben ihm in der Höhe seines Kopfes befanden. Der Mann hielt die Augen geschlossen und ließ sie gewähren. Er schien es zu genießen, einmal eine andere Berührung zu spüren als Schläge. Dann sah er sie wieder an. „Ich bin Jonathan.“ Mehr sagte er nicht. Er schien sehr müde zu sein. Er lehnte seinen Kopf nach hinten gegen das Blech der inzwischen abgekühlten Kühlerhaube und schaute an Nadine vorbei.
Nadine konnte und wollte sich nicht vorstellen, was der Mann durchgemacht hatte, dass er so erschöpft war, obwohl er doch sehr muskulös und durchtrainiert war. „Danke für das Wasser,“ sagte er nach einer Weile, „aber sie sollten das nicht tun.“
Nadine runzelte die Stirn. Der junge Amerikaner hatte eine wohlklingende tiefe Stimme, in der jedoch ein außerordentlich trauriger Unterton mitschwang. Nadine schaute ihn besorgt an, dann drehte sie sich um, in der plötzlichen Angst, dass die Soldaten sie bei ihm erwischen könnten, aber sie waren ganz in ihren Reparaturversuch vertieft. „Was haben die mit Ihnen vor?“ flüsterte sie. „Sie sind in einem ganz erbärmlichen Zustand. Was haben die mit Ihnen gemacht, dass Sie sogar vor mir Angst haben?“ Nadine schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht verstehen, wie Menschen so etwas Gemeines tun konnten. Jonathan hatte Mühe, zu antworten. „Ich bin dazu verurteilt worden, das Land zu verlassen und es nie mehr zu betreten. Ich sollte außer Landes gebracht werden.“ Er schloss kurz die Augen und atmete schwer. Dann sprach er weiter, aber so leise, dass Nadine es kaum verstehen konnte. „Einigen Leuten war das nicht genug. Man hat mich entführt, und diese beiden haben den Auftrag, mich zu erschießen.“
Jonathan schloss die Augen, diesmal für einige Minuten. Nadine dachte schon, er sei eingeschlafen, als er dann doch weiterredete. „Deshalb sind wir hier. In den unendlichen Dünen des Idhan Awbari gibt es keine Zeugen.“ Diesmal schaute er sie an. Auf seinem schönen Gesicht lag der Schatten einer unendlich großen Traurigkeit, so dass es Nadine beinahe die Tränen ins Gesicht getrieben hätte. Ihre Blicke trafen sich kurz, dann senkte er den Kopf. Ganz leise, beinahe unverständlich, sagte er etwas, das Nadine sehr erschreckte. „Aber das macht nichts.“
Entsetzt starrte Nadine den Fremden an. Was musste ein Mensch erlebt haben, bis er soweit war, seinen Tod zu akzeptieren? Sie wusste jetzt, dass die beiden uniformierten Männer keine hilfsbereiten Soldaten waren, wie sie aufgrund ihrer Soldatenuniformen und ihrem Hilfsangebot angenommen hatte. Ihr wurde bewusst, dass auch ihr Leben und das von Alice in höchster Gefahr war, sofern die Geschichte von Jonathan der Wahrheit entsprach. Aber sie zweifelte nicht daran. Sie glaubte ihm, obwohl sie wusste, dass das sehr naiv von ihr war. Jonathan richtete seinen Blick in die Ferne und schien einen imaginären Punkt zu betrachten, der sich auf der Wand der Düne befand, die sich einige Meter vor ihnen aufbaute. Nadine hatte den Eindruck, dass er durch die Düne hindurch sah, und dahinter schien er etwas zu sehen, das ihm große Pein verursachte. Auf sein markantes Gesicht hatte sich ein verbitterter Ausdruck gelegt, und seine Lippen waren schmal zusammen gepresst, als ob er große Schmerzen hätte. Niemals in ihrem Leben zuvor hatte Nadine einen so harten Gesichtsausdruck gesehen. In ihrem Innersten regte sich etwas, und sie wollte ihn trösten. Ihre Hände wollten dieses wunderschöne Gesicht berühren und es streicheln, damit der schmerzliche Ausdruck darauf verschwand und nur noch diese männlich markanten Züge zurück blieben. Plötzlich schaute er sie an und redete mit fester Stimme, die Nadine erstaunen ließ. „Bitte gehen Sie! Sie kennen die Befehle der Männer. Die können sehr rigoros werden, wenn sie Sie hier bei mir entdecken.“ Dann wurde seine Stimme sehr sanft und nahm einen bittenden, beinahe flehenden Ton an. „Bringen Sie sich meinetwegen nicht in Gefahr.“ Nadine schaute in seine blauen Augen. Sie konnte ihren Blick nicht lösen von diesem Anblick, wie er sie anschaute, so hilflos und doch bestimmt. Er schien seinen Blick auch nicht von ihr lösen zu können, denn zum ersten Mal sah er sie richtig an, sah ihr tief in die Augen, als ob er sich erst jetzt in diesem Moment ihrer gewahr wurde. Einige Sekunden blieben sie so sitzen, reglos, ihre Blicke ineinander versunken, bis eine scharfe Stimme sie in die Wirklichkeit zurückholte.
Einer der Entführer hatte Nadine bei dem Gefangenen entdeckt und schimpfte auf arabisch. Nadine wollte gar nicht wissen, was das hieß. Schnell stand sie auf und lief zu Alice hinüber, bevor der grobe Kerl zu ihr und Jonathan kommen und dem Wehrlosen vielleicht noch einen Tritt verpassen konnte. Dafür ging sein schlanker Kollege auf sie zu, nahm sie hart an der Schulter und schüttelte sie. „Ich habe dir gesagt dass du nicht gehen sollst zu diesem Mann! Du bist eine schöne Frau, sehr schöne Frau. Aber wenn ich dich noch einmal erwische bei ihm bist du tote Frau!“ 
Alice riss entsetzt ihre Augen auf, während der zweite Entführer nicht einmal aufschaute. Nadine machte keine Anstalten, sich zu wehren, denn es hätte keinen Sinn gehabt. Außerdem ließ sie der Mann gleich wieder los und wandte sich schnaufend ab. Sie hätte auch gar nicht versucht, sich zu wehren, denn seit dem Moment, als Jonathan ihr so tief in die Augen gesehen hatte, kreisten ihre Gedanken nur noch um ihn. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie geschüttelt wurde. Alice legte ihr eine Hand auf ihren Arm. „Ist alles in Ordnung?“ fragte sie. Nadine reagierte nicht. Sie war völlig geistesabwesend. „Nadine!“ rief Alice. Nadine zuckte zusammen. „Komm mit!“ sagte sie und zog Alice einige Meter hinter eine Düne, wo die Entführer sie nicht mehr hören konnten. „Was ist denn los mit dir?“ wollte Alice wissen. „Hast du...“ „Sei still und hör mir zu!“ wurde sie barsch unterbrochen. „Die Männer wollen ihn erschießen“, flüsterte Nadine. Alice starrte sie entgeistert an. „Wir müssen etwas unternehmen“, fuhr Nadine fort. „Wenn die unsere Kiste nicht reparieren können, und das können sie nicht, sind auch wir in Gefahr, denn schließlich können die keine Zeugen gebrauchen, und extra wegen uns werden die bestimmt nicht zurückfahren.“ Alice erstaunte Augen waren jetzt genauso rund wie ihr Gesicht. „Jetzt bist du aber von allen guten Geistern verlassen!“ rief sie schließlich und schüttelte ungläubig den Kopf. „Hat er dir das erzählt? Und du glaubst ihm das? Wie hat er das gemacht? Du lässt dir doch sonst nicht von jedem gutaussehenden Mann derart den Kopf verdrehen!“ Alice drehte sich um und ließ sie einfach stehen. Nadine seufzte. Wie sollte sie ihrer Freundin klarmachen, dass sie sich so sicher war, nur weil sie in seine Augen gesehen hatte. Diese Augen konnten nicht lügen, das stand für sie fest. Und noch etwas stand fest: Sie musste sich etwas einfallen lassen. Sie musste diesen Mann namens Jonathan retten.
5
Alice richtete sich auf eine lange Nacht ein. Die Entführer hatten ihr und Nadine befohlen, im Wagen zu übernachten, aber sie fanden keinen Schlaf. Alice sah, dass ihre Freundin neben ihr durch das Wagenfenster nach draußen in die Dunkelheit starrte. Sie selbst würde kein Auge zumachen können, denn sie sah immer noch diese lüsternen Blicke der Soldaten vor sich, als sie sie minutenlang angestarrt hatten. Nadine hatten sie zwar auch unverhohlen gemustert, aber bei Alice waren ihre Blicke besonders lange verharrt. Das war das erste Mal gewesen, dass nicht die schöne Nadine, sondern sie bewundert wurde. Sie hatte mal davon gehört, dass ägyptische Männer besonders scharf auf mollige Frauen waren, und vielleicht traf das auf libysche Männer ebenfalls zu. Plötzlich bewegte sich Nadine neben ihr und öffnete langsam die Tür.
Die Türaufhängung des alten Geländewagens quietschte, und Alice hielt die Luft an. Nadine hielt erschrocken inne, dann stieg sie vorsichtig aus. Sie nahm ihre Decke und bewegte sich auf Zehenspitzen über den kalten Sand in Richtung des Gefangenen, der nach wie vor an dem Rammschutz vorne am Wagen festgebunden war. Alice konnte nicht glauben, was ihre Freundin da tat. Nadine wusste doch, dass sie sich in Gefahr brachte, wenn die Entführer das spitzkriegten.
„Nadine!“ flüsterte Alice ängstlich. „Tu` das nicht, komm zurück!“ „Schscht...“ zischte Nadine. Sie war stehen geblieben und lauschte angestrengt, aber die Entführer schliefen lautstark auf den vorderen Sitzen. Nadine schlich weiter. Alice konnte von ihrer Position aus nicht erkennen, ob der Gefangene wach war. Als ihre Freundin sich dem Mann schon so weit genähert hatte, dass sie ihn berühren konnte, öffnete sich mit einem Ruck die vordere rechte Tür des Pick-Ups. Der dicke Soldat wollte aussteigen, aber durch die Wucht war die Tür wieder zurückgeschwungen und traf ihm am Bein. Verärgert trat er die Tür wieder auf und stieg aus. Mit einigen schnellen Schritten ging er auf Nadine zu, die sich vor Schreck nicht bewegte, und baute sich drohend vor ihr auf, die Hände in die fetten Hüften gestemmt.
Der zweite Entführer kam hinzu. Ein paar Sekunden guckte er Nadine böse an, dann gab er ihr ohne Vorwarnung eine Ohrfeige, die so heftig war, dass die junge Frau in den Sand fiel und sie sich die schmerzende Wange hielt. Dann packte er sie an den Haaren und schleifte sie zurück zum Wagen. „Das machst du nie wieder!“ keifte er, schubste sie in den Fond und schlug die Autotür hinter ihr zu. Ruckartig drehte er sich um, denn Jonathan hatte irgend etwas zu ihm gesagt, Worte, die weder Alice noch Nadine verstanden, woraufhin der Entführer wutentbrannt auf ihn zulief und auch ihm eine herbe Ohrfeige gab. Diesmal nahm der Gefangene das aber nicht so hin wie sonst, sondern gab seinem Angreifer einen kräftigen Tritt. Der fiel nach hinten in den Sand und schaute völlig überrascht, denn damit schien er nicht gerechnet zu haben, und er vergaß, ihm eine weitere Abreibung zu verpassen. Schnaufend stieg er in den Wagen und zog die Tür laut knallend ins Schloss. Dann wurde es wieder still. Nur Nadine schluchzte, denn Tränen des Zorns liefen über ihr makelloses Gesicht.
Der zunehmende Mond stand am tiefschwarzen, sternenübersäten Himmel und tauchte die Dünen in ein silbriges Licht. Alice hätte diesen Anblick gerne genossen, aber sie erwartete, dass einer der beiden Entführer wieder aufwachte, zu ihr geschlichen kam und ihr etwas Schlimmes antat. Nichts rührte sich. Sie konnte die Männer, die gleich wieder eingeschlafen waren, schnarchen hören, und ab und zu hustete dieser gutaussehende Fremde. Er tat ihr leid, denn der arme Kerl fror sicher ganz erbärmlich, während sie und Nadine im Auto in eine kuschelige Decke gehüllt waren. Andererseits geschah es ihm recht, wenn er wirklich einen Menschen auf dem Gewissen hatte. Obwohl ihr doch Zweifel an der Behauptung der Entführer gekommen waren. Im letzten Licht dieses vergangenen, ereignisreichen Tages, nachdem die Entführer ihnen eröffnet hatten, dass sie die Reparatur ihres Fahrzeuges am nächsten Tag vornehmen wollten, hatte sie einen unbeobachteten Moment genutzt, sich den Fremden näher angeschaut und ihm in die schönen Augen gesehen. Es war überhaupt nichts Beunruhigendes darin zu erkennen gewesen, und sie wollte Nadine gerne Glauben schenken, aber sie blieb doch skeptisch. `Wer weiß`, dachte sie, sie konnte ja nicht in einen Menschen hineinsehen, und vielleicht hatte dieser Jonathan tatsächlich jemanden umgebracht. Nadines Argument, dass ihnen mit dieser Behauptung nur Angst eingejagt werden sollte, um sie davon abzuhalten, in seine Nähe zu gehen, klang zwar einleuchtend, aber warum sollten die Entführer einen Mann grundlos so schlimm behandeln? Sie beschloss, sich von ihm fernzuhalten. Mit diesem Gedanken fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
6
       Ein neuer Tag stand bevor, und Nadine schickte böse Blicke zu dem Feuerball, der hämisch grinsend am Himmel stand und dessen Strahlen heute besonders heiß waren. Nadine hatte jedenfalls den Eindruck, als ob die Sonne ein Gesicht hatte und sich an ihrer Qual, die an die fünfzig Grad im Schatten mit sich brachten, weidete. Es war nicht heißer als am gestrigen Tag, aber Nadine hatte in der Nacht sehr schlecht geschlafen, weil sie sich viele sorgenvolle Gedanken gemacht hatte, und es nervte sie, weil nicht nur ein neuer, sondern ein äußerst ungewisser Tag bevorstand. Ihre Wange brannte immer noch von der schallenden Ohrfeige, die sie kassiert hatte, als sie Jonathan eine Decke hatte bringen wollen. Die Entführer hatten laut vernehmlich geschnarcht und sie in Sicherheit gewogen, aber als sie sich auf einen Meter dem Gefangenen genähert hatte, waren die Männer aufgewacht und hatten ihr schmerzhaft deutlich gemacht, dass sie ihre Warnungen ernst zu nehmen hätte.
      Nadine machte sich große Sorgen um den jungen Mann, der die ganze Nacht am Wagen festgebunden im kalten Sand verbracht hatte, zusammen mit Skorpionen und ohne wärmende Kleidung oder sonstigem Schutz. Er war nach wie vor barfuß und nur mit der Jeans und dem dünnen Hemd bekleidet, und sein Husten war in der Nacht stärker geworden. Sicherlich würde er sich bald eine Lungenentzündung holen, und dann bräuchten die Entführer ihn nicht mehr erschießen, denn dann hätte sich die Sache von alleine erledigt. Vielleicht war das sogar ihre Absicht, denn einen Menschen schlecht zu behandeln, war eine Sache, aber einem Mann eine Pistole an den Kopf zu halten und abzudrücken, war eine andere. Das traute sie nicht einmal den beiden Brutalos zu. Für diese Überlegung sprach auch, dass sie ihm kein Wasser gaben, und ohne Nadine wäre er jetzt wahrscheinlich schon verdurstet.
      Nadines einziger Hoffnungsschimmer war, dass Jonathan sich vielleicht einmal wehren würde, so wie er es letzte Nacht ansatzweise getan hatte. Jetzt lag er wieder in der prallen Sonne, und das würde er nicht mehr lange durchhalten können. Diese Tortur konnte er nicht überstehen. Nadines Überlegungen bezogen sich auch auf das merkwürdige Verhalten der Entführer, als sie sie entdeckt, den Motor abgestellt und diskutiert hatten. Nadine lief es trotz der Hitze kalt den Rücken herunter, wenn sie sich vorstellte, dass sie sich vielleicht zur Weiterfahrt entschlossen hätten und sie in der Wüste verdursten ließen, nur weil sie keine Zeugen gebrauchen konnten und ihren Auftrag ausführen wollten. Die Entführer hatten bestimmt nur angehalten, weil sie sicher waren, dass die Motorpanne eine kleine reparable Angelegenheit war. Jetzt standen sie schwitzend und fluchend vor den zerlegten Motorteilen der Zündapp und wussten nicht mehr weiter.
      Die beiden Entführer diskutierten laut, erregt und wild gestikulierend. Nadine merkte, dass auch über sie und Alice gesprochen wurde, denn sie sahen in ihre Richtung. Nadine fiel auf, dass Jonathan, der wie immer schweigsam und bewegungslos in seinen Fesseln hing, plötzlich aufschaute und die Stirn runzelte. Ob er verstehen konnte, was da auf arabisch geredet wurde? Es schien so, aber wie konnte er das, er war doch nur ein Tourist wie sie selbst. Oder nicht? Was hatte es mit diesem Mann auf sich? Fragen über Fragen, und Nadine hoffte, dass sie ihm diese Fragen eines Tages stellen konnte. Im Moment sah es allerdings nicht so danach aus, denn Jonathan blieben gewiss nur noch wenige Stunden. Sie hatte keine Möglichkeit, ihm Wasser zu geben oder ihm sonst irgendwie beizustehen. Die Entführer beendeten ihre Diskussion und kamen auf sie zu. Sie riefen Alice herbei, die im Schatten des Autos gesessen und die Szenerie sorgenvoll beobachtet hatte.
      „Motor kaputt“, sagte der schlanke Entführer, während er einen Wasserkanister zur Hand nahm und große Schlucke Wasser zu sich nahm. `Das hab` ich doch gleich gesagt, du Ochsenkopf, dachte Nadine ärgerlich. Sie sah die zerlegten Teile des Motors und konnte den gebrochenen Stößel erkennen. „Können wir nicht reparieren.“ Der Dicke ging auf Nadine zu, die sich nichts dabei dachte. „Wir können Sie aber auch leider nicht mit uns nehmen“, fügte sein Kollege in einem Tonfall hinzu, als ob es das Normalste der Welt wäre, und warf den geleerten Wasserkanister zur Seite. Nadine und Alice starrten sich erschrocken an. Was hatte der da eben gesagt? Das durfte ja wohl nicht wahr sein, denn das würde einem Todesurteil gleichkommen! Nadines Befürchtungen hatten sich hiermit leider bestätigt. Sie hatten den Schaden nicht reparieren können, und jetzt dachten sie gar nicht daran, sich mit den beiden Frauen zu belasten, die unangenehme Zeugen für ihr Vorhaben waren. Vielleicht hatten sie auch schon zu viel gesehen. Nadine wurde bewusst, dass sie sich in höchster Lebensgefahr befanden, denn sie war sich sicher, dass die Burschen ihre Ankündigung wahr machen würden.
      Der dicke krausköpfige Entführer war inzwischen an Nadine herangetreten und hielt sie am Arm fest. Nadine schüttelte ihn wieder ab, aber er griff um so fester zu. Er hatte plötzlich ein breites Grinsen auf seinem feisten Gesicht, und mit einer zuckersüßen, unschuldigen Stimme unterbreitete sein Kollege ihnen ein Angebot, das den beiden Frauen den Angstschweiß auf die Stirn trieb. „Wenn ihr natürlich ein wenig nett seid zu uns, könnten wir es uns vielleicht noch einmal anders überlegen.“
      Da war sie, diese Situation, vor der sich Nadine vor Antritt der Reise am meisten gefürchtet hatte. Zwei allein reisende Frauen in der Wüste waren eine leichte Beute. Bisher hatten sich ihre Befürchtungen noch nicht bestätigt; im Gegenteil, wie oft hatten sie Polizeikontrollen über sich ergehen lassen müssen und waren dabei immer höflich und zuvorkommend behandelt worden. Jetzt sollte ihr schlimmster Alptraum wahr werden, und Nadine wurde schwarz vor Augen. Der Boden unter ihr begann sich zu drehen, und sie hatte das Gefühl, dass der Sand, auf dem sie stand, nachgab und sie wie in einem Trichter kreisförmig in die Tiefe zog. Ihre Knie wollten nachgeben, aber der Entführer hielt sie fest.
      Der schlanke Entführer hatte sich inzwischen Alice geschnappt, die daraufhin zu kreischen begann, angstvoll und hysterisch. Sie bearbeitete ihn mit Fausthieben, aber er lachte nur und hielt ihre beiden Handgelenke mit einer Hand fest. Mit der anderen drückte er ihre Wangen zusammen und zwang so ihren Kopf nach hinten. Dabei bedeckte er ihren freiliegenden Hals mit schmatzenden Küssen. Alice schrie und kreischte, aber es nützte nichts. Er ließ ihren Kopf los, zerrte sie unter die hohe Zeltplane, die sie neben dem havarierten Gespann als Schattenspender aufgebaut hatten, und fingerte an seinem Gürtel herum, dessen Schnalle er bald geöffnet hatte. Alice hatte eine Hand freibekommen und wollte ihm an den Haaren ziehen, aber er drehte ihr Handgelenk brutal herum, so dass sie schmerzerfüllt aufschrie und mit tränenden Augen in die Knie ging...

     Ende Teil 1.
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